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Jojo Luniére - WARM
Paul Jennerjahn - Alles Licht

 

 

Auszug aus einem Roman

 

Transkript_Interview_Maria Merizadi.doc

 

Da springt jetzt nicht spontan der eine Film oder das eine Bild an. Viele. Du kannst nicht immer alles auf einen Begriff, auf ein Narrativ, auf ein Bild bringen, weißt du? Das ist auch so ne Sache in euren Geschichten über uns, ihr denkt immer, alles ist so und nur so und nicht gleichzeitig noch etwas anderes, als ob irgendwas auf der Welt so funktionieren würde. Weil wo gibt es das, dass etwas nur eine Schicht hat, nur eine Bedeutung, und nicht Facetten und Nuancen? Also viele Bilder, aber als ein Bild vielleicht Sevilla, ich hab in Sevilla Komparatistik studiert damals, als das alles rauskam. Das heißt, offiziell rauskam, als auch deutsche Behörden gecheckt haben, dass das Nazis waren, allen anderen war es ja vorher klar. Ich hatte n kleines Zimmer in ner WG und mein Schreibtisch stand unter einer Treppe, neben der mein Zimmer lag, und da unter der Treppe hab ich an meinem Laptop damals angefangen zu recherchieren. Hatte das Fenster offen stehen, weiß ich noch, tagsüber waren da immer noch über zwanzig Grad im November, und über dem Laptop hat mans bollern gehört, wenn jemand auf der Treppe ging. An manchen Tagen bin ich nicht zur Uni, bin zuhause geblieben und hab recherchiert oder einfach nichts gemacht. Hab alles gelesen, was man dazu lesen konnte, hab mich da reingegraben, ich wollte alles darüber wissen. Deshalb meinte ich das vorhin, dass dus wahrscheinlich schwierig mit mir findest, wenns um den NSU gehen soll. [kurze Pause] Oder ich bin in den Alamillo und hab da gesessen und versucht es zu verstehen. Was das bedeutete. Fühlte sich an wie nach ner Trennung, wie heftiger Liebeskummer, mit allen körperlichen Symptomen und so. Ich konnte nichts essen. Die Gardinen erinner ich auch noch in dem Zimmer, war n möbliertes Zimmer, da hingen vor den zwei Fenstern in meinem Zimmer so gemusterte Gardinen, wie ein Mandala gemustert, ganz filigran in Rot- und Orange- und Gelb-Tönen. War das dritte Semester im November Zwanzigelf, ich mochte Sevilla, bin auch immer noch mit Matea befreundet, und mit Komparatistik lief es damals schon viel besser als in meinen zwei Film-Semestern davor in Istanbul. In Istanbul hatten gefühlte drei Viertel aus meinem Jahrgang Eltern, die irgendwo Professoren oder selbst Künstler*innen waren, hab ich null Anschluss gefunden, aber ich hab in Sevilla dann im Dezember aufgehört und bin zurück nach Berlin. Ich denke daran, dass es sich anfühlt für mich [unverständlich, Straßenlärm] hier damit umgegangen wird, den Nazis spiegelt, dass sie durchkommen. Dass der Staat sie gewähren lässt, dass nicht so genau hingeguckt wird, dass man Angst hat vor denen und vor Leuten, die so tun, als wär es linker Aktivismus, wenn man gegen Faschos durchgreift. Und was es uns spiegelt, mir, dass es uns immer wieder passieren kann. Dass es passieren kann, dass ich hier von Nazis auf offener Straße erschossen werde. Dass wir dagegen nichts tun können, es bedeutet Hilflosigkeit, Ohnmacht, weil man uns nicht glaubt oder ernst nimmt, weil kaum jemand das Problem wirklich in seiner Tragweite, in seiner Komplexität auch nur annähernd versteht. [längere Pause] Beziehungsweise, nein, Schwachsinn, ich denke nicht an Angst, lösch das bitte vom Band, was ich eben gesagt hab, Wahnsinn, daran denke ich, wie unfassbar das ist. Keine Ahnung, was du recherchiert hast, aber mach dir klar, unter anderem gab es Kriminaltelepathie, die Polizei hat Wahrsagern mehr geglaubt als uns. In Hamburg hat die Soko 2008 nen Typen aus dem Iran einfliegen lassen, der sich selbst als Metaphysiker bezeichnet hat. Der hat über ne iranische Unternehmensberaterin, die sich im Interconti in Hamburg mit Polizisten getroffen hat, also quasi über ne Mittelsfrau der Soko ausrichten lassen, dass er Kontakt zu dem Ermordeten aufnehmen kann, wenn das gewünscht ist. Und es war gewünscht. Der Typ ist aus dem Iran nach Hamburg geflogen, saß da in ner Wohnung und hat dann hinterher über seine Mittelsfrau ausrichten lassen, dass er ne Viertelstunde lang Kontakt hatte mit dem Ermordeten. 2008, das heißt sieben Jahre nach dem Mord will der mit dem Opfer geredet haben, und natürlich [betont sie besonders] hat der dann erfahren, dass die ganze rassistische Scheiße, von der die Polizei ausgegangen ist, stimmt, dass der Mord nicht geplant gewesen wär, dass es spontan Stress gab zwischen Täter und Opfer, Drogen und Banden haben eine Rolle gespielt, dass jemand mit Kopftuch dabei gewesen wär, dass der Mörder ein sogenanntes südländisches [betont sie wieder…] Aussehen gehabt hätte, dunkle Haare und braune Augen, dass der Türke gewesen wär. Hat der Ermordete sieben Jahre nach seinem Tod nem Geisterbeschwörer ins Ohr geflüstert, und die Soko dachte sich, super, dann hatten wir ja absolut den richtigen Riecher beziehungsweise ermitteln exakt in die richtige Richtung. [kurze Pause] Köln ist vielleicht noch krasser. In Köln hat sich 2004 nach der Nagelbombe ne Wahrsagerin aus München bei der Soko gemeldet. Dass sie was wüsste. Woraufhin Polizisten zu der Frau nach München sind, alles aus Steuergeldern natürlich bezahlt, die sind zu der Wahrsagerin gefahren nach München und haben der gegenüber gesessen an nem Tisch, auf dem so ein Kassettenrekorder stand, und sind dann aufgefordert worden, nachdem die Wahrsagerin die Aufnahme begonnen hat, ihre Fragen aufs Band zu sprechen. Die Alte hat dann wohl immer kurz gewartet nach den Fragen, selbst nichts gesagt und die Aufnahme beendet, dann das Band zurückgespult, wieder abgespielt, wo die Polizisten ne Frage gestellt haben und in der Stille, also dem Schweigen direkt nach den Fragen behauptet, da wären Stimmen. Stimmen aus dem Jenseits. Die hat die Polizisten gefragt, ob sie die Stimmen auch hören. Und dann haben sie halt gemeinsam die Stimmen interpretiert. Der zuständige Kommissar meinte vor dem Untersuchungsausschuss, er würde das in einem ähnlichen Fall genau so wieder machen. Da ging es um Terroranschläge von Nazis. Ich meine. Darauf musst du erstmal klar kommen. Du denkst, das ist n beschissener Thriller, der bei Rossmann Regalhüter ist, aber es ist real. Kann man alles nachlesen, das steht so in Ermittlungsakten. Und es ist halt [wieder unverständlich…] von uns wusste, was los war. Das war von Anfang an klar, dass das Botschaften waren, wie und wen die ermordet haben, vollkommen klar. Das heißt, Leute, die zur Polizei gegangen sind, die gesagt haben, ich bin Angehörige, ich bin Nachbar*in, was auch immer, ich weiß was, ich will aussagen, die sind nach Hause geschickt worden von der Polizei, denen hat man verweigert, ihre Aussage aufzunehmen [edit: stimmt das wirklich? Dass man Zeugen von der Wache weggeschickt hat? Überprüfen!]. Oder ihre Aussagen sind in irgendwelchen Aktenordnern gelandet, in die man nicht reingucken wollte, oder direkt geschreddert wahrscheinlich. Aktenschreddern wirst du ja wohl recherchiert haben. Übrigens, der größte Teil der Aktenvernichtung im BfV fand am 11. November statt, das heißt am 11.11.11. Und wo hat das BfV seinen Sitz? Köln, und was geht in Köln am 11.11.? Karneval feiern, genau, Kölle alaaf und so, und am selben Tag ordnet da ein Mitarbeiter an, Akten zu schreddern, die mit dem NSU zu tun haben. Ich muss aufpassen echt, sonst kotz ich, das ist so dermaßen ekelhaft. Vorsätzlich natürlich, um unangenehme Fragen ans BfV zu vermeiden, hat der Typ zugegeben vorm Untersuchungsausschuss. Oder wie man Zeug*innen für unglaubwürdig erklärt oder nicht zurechnungsfähig gehalten hat. Es gab diese Frau in Nürnberg, die vor einem der Morde Böhnhardt und Mundlos in Fahrradklamotten in der Nähe vom Tatort in Nürnberg gesehen hat. Der hat man Fotos gezeigt, also man hat der Aufnahmen von ner Videokamera aus Köln vorgelegt, kurz vor dem Anschlag 2004, auf denen Böhnhardt und Mundlos zu sehen sind, und die hat die beiden erkannt. Die hat der Polizei gesagt, das waren dieselben Typen wie in Nürnberg, dass sie sich absolut sicher ist, das hat die 2006 schon gesagt. Und die Polizei schreibt ins Vernehmungsprotokoll, sie wär sich ziemlich sicher [besonders betont] gewesen. Hat dann aber jedenfalls gereicht, um die Sache nicht weiter zu verfolgen. [Pause] Von denen, die zu Unrecht verdächtigt und in stundenlangen Verhören gequält wurden, teilweise Angehörige kurz nach dem Tod ihrer Ehemänner oder Väter oder Brüder oder Cousins, ganz zu schweigen. Bei dem ersten Mord, also das erste Opfer war ja nicht sofort tot, Enver Şimşek, der lag in nem Nürnberger Krankenhaus, da hat die Polizei quasi die Ehefrau vom Krankenhausbett ihres Mannes, der im Sterben lag, zum Verhör abgeholt. Die haben sie gefragt, während ihr Mann mit seinem Leben kämpfte, mit mehreren Schusswunden von Faschos, ob ihr Mann was mit Drogen zu tun hatte, ob er Spielschulden hatte etcetera. Die haben dieser Ehefrau, der Witwe von Enver Şimşek, weil der dann ja starb, der hat die Polizei Fotos von ner blonden Frau hingelegt und behauptet, das sei seine Geliebte gewesen, mit der hätte er zwei Kinder. Die wollten die zum Geständnis erpressen, aus Eifersucht ihren Ehemann umgebracht zu haben, den gerade Nazi-Terroristen erschossen hatten. Oder anderer Fall, bei Theo Boulgarides, der den Schlüsseldienst in München hatte, der 2005 ermordet wurde. Der hat damals in Scheidung von seiner Ehefrau gelebt und hatte ne Freundin. Mach dir das klar, diese Freundin hat die Scheiß-Polizei allen Ernstes in der Vernehmung gefragt, ob sie die Pille nimmt. Ob sie quasi bereit war, beziehungsweise ob die Beziehung mit dem Mordopfer so ernsthaft war, dass sie potenziell schwanger werden wollten, weil dann hätte die Ex-Frau ja allen Grund gehabt, aus Eifersucht ihren Ex-Mann zu erschießen, klar. Auch einfach unfassbar, wenn du dir überlegst, dass das der siebte Mord an migrantischen Menschen war, alle mit derselben Česká erschossen, und die Polizei geht offensichtlich einfach weiterhin davon aus, dass sich die Partnerinnen von sieben Männern, die sich gegenseitig nicht kannten, diese Knarre untereinander weiterreichen. [kurze Pause] Solche Filme springen bei mir an. Welcher Wahnsinn da gelaufen ist. Verdeckte Ermittlung auch, die haben verdeckte Ermittler in Köln in die Keupstraße geschickt, als Scheinunternehmer oder zu den Familien als Journalisten zum Beispiel, also Ermittler, die so getan haben, als wären sie Journalisten, wurden zu den Angehörigen geschickt, um aus denen was rauszupressen. Oder bei Halit Yozgat. [Pause] Der war das letzte Opfer, bei dem hat die Polizei mehrere Telefonanschlüsse der Familie, Handys und so, abgehört. Unter anderem, weil angeblich der Vater beim Freitagsgebet in ner Moschee in Kassel aufgefordert worden sein soll, aus Rache den Verfassungsschützer umzubringen, der beim Mord dabei war, das ist auch [lacht auf, höhnisch] es war quasi beaufsichtigter Mord, das weißt du, ne? Also da ist Andreas Temme, ein Mitarbeiter vom Verfassungsschutz, der nachweislich zum Zeitpunkt des Mordes anwesend in dem Internet-Café in Kassel war, in dem Halit Yozgat gearbeitet hat und erschossen wurde. [Entschuldige, wenn ich unterbreche, aber ich würde gern nochmal fragen, inwiefern verfolgt dich das alles heute noch in deinem Alltag?; M. mich unterbrochen] Könntest du mich ausreden lassen, bitte? Danke, weil du hast jetzt nicht gerade mit Detailwissen geglänzt zum Beispiel bei der Nummer mit der Synagogenausspähung. Du willst darüber schreiben, du willst mitreden, das heißt dir ne Meinung bilden, und das funktioniert nicht ohne substanzielles Wissen über den Gegenstand, ne? Temme ist der einzige Zeuge, weil es waren noch vier oder fünf andere Gäste beziehungsweise Kund*innen in dem Café zu dem Zeitpunkt, die alle gesagt haben, dass sie die Schüsse gehört haben, Temme ist der Einzige, der angeblich nichts gesehen, nichts gehört, nichts gerochen hat von dem Schießpulver. Und der ist mit seiner Zeugenaussage durchgekommen, man ist dem nicht weiter nachgegangen, man hat abgelehnt, Forensik-Expert*innen anzuhören, die den Fall analysiert haben, die wissenschaftlich nachgewiesen haben, dass Temme gelogen hat, gibts im Internet, guck dir das an, Institute Forensic Architecture, glaub ich. Man hat abgelehnt, ne Ortsbegehung zu machen, der Nebenklage-Anwalt von Yozgats Familie hatte das beantragt, abgelehnt, basta, man hat Temme seine Lügen durchgehen lassen, nem Typen, der ne Stunde vor dem Mord noch mit nem Neonazi telefoniert, der V-Mann war und den Temme betreut hat. Und alles andere, ich meine. Wie geht das? [Pause] Wie kann das sein?

Yve Oh - Crimson Sap Flowing Through My Veins 深红的汁液在我静脉中流动
Inga Fischer: Zukunftskalender 2023-2099. 13 Geschichten aus der Zukunft von jungen Kölner Autor:innen
Der Zukunftskalender ist ein Projekt von Inga Fischer in Zusammenarbeit mit equallyathomeeverywhere. Er wurde in einer kleinen limitierten Auflage von 100 Stück im umweltfreundlichen Risographie-Verfahren gedruckt. Der Kalender ist gegen Spende über zukunfts-kalender@posteo.de erhältlich. Die Einnahmen gehen an Fridays for Future.
Tobias Schulenburg: Mein Lieber, das ist ein mir noch unbekannter Bach.

Schaukasten – Residenzen 2022

Studierende der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM) leben und arbeiten jeweils für zwei Monate in und um Münster und Havixbeck und erkunden das Spannungsverhältnis zwischen Literatur und anderen künstlerischen Disziplinen. Zu den Ergebnissen des Residenzprogramms 2022 kommt ihr mit einem Klick auf die Bälle!

 

Das Residenzprogramm "Literarisches Schreiben" ist ein Angebot von Burg Hülshoff - Center for Literature (CfL) in Kooperation mit mit der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM). Gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.