Droste Welten
Die Droste Welten zeigen euch, was für ein Leben die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff geführt hat und wie sie ihre Texte geschrieben hat. Sie lebte von 1797 bis 1848, viele Jahre davon an den beiden Orten in Münster und Havixbeck. Die Droste Welten umfassen die Ausstellungen auf Burg Hülshoff und im Rüschhaus, den Lyrikweg, der beide Orte verbindet, sowie die Angebote der Digitalen Burg.


Droste Welten: Rüschhaus
Hier findet ihr vertiefende Texte zu den Inhalten von Droste Welten: Rüschhaus.
»Das soziale Netzwerk« von Monika Gemmer
Therese von Droste-Hülshoff ist manchmal längere Zeit nicht zuhause. Aber auch dann weiß die Hausherrin, wie es im Rüschhaus läuft. Ob das Getreide gut wächst. Ob die Schweine gesund sind. Ihre Tochter Annette von Droste-Hülshoff berichtet der Mutter darüber in Briefen.
Auch andere Verwandte und Freund*innen bekommen oft Post von ihr. Viele tausend Briefe müssen es gewesen sein. Leider ist heute das meiste davon verloren. Nur ungefähr jeder zehnte Brief blieb erhalten. Einige Menschen haben die Briefe vernichtet, die sie ihnen schrieb. Droste selber wollte es so. Es war ihr sehr wichtig, ihre privaten Gedanken vor fremden Augen zu schützen.
Das war gar nicht einfach. Damals gab es kein Briefgeheimnis. Wenn Droste jemandem schrieb, dann wusste sie: Die ganze Familie bekommt den Brief zu lesen. Das war normal.
Manchmal nutzt die Dichterin einen Trick: Was unter vier Augen bleiben soll, schreibt sie auf einen Zettel. So lässt sich dieser Teil herausnehmen, bevor der Brief weitergegeben wird.
Heute wirken die Droste-Briefe harmlos. Oft beschreiben sie alltägliche Dinge: Was ist los in Haus und Hof? Was haben die Verwandten und Bekannten erlebt? Wo ist ein Kind geboren worden? Wer ist krank, wer ist gestorben? Langweilig sind die Briefe aber nicht. Sie zeigen, wie die Leute in diesen Kreisen damals lebten. Droste schreibt außerdem so unterhaltsam, dass es Spaß beim Lesen macht.
Viele Briefe behandeln ihre Arbeit, das Schreiben. In der Familie stößt sie damit auf wenig Interesse. Aber sie hat Ratgeber, die sich mit Literatur auskennen: Anton Matthias Sprickmann, Christoph Bernhard Schlüter, Wilhelm Junckmann. Und sie hat Freund*innen, die sie unterstützen. Besonders eng verbunden fühlt sie sich Elise Rüdiger. Sie führt in Münster einen Salon. Eine weitere Freundin ist Adele Schopenhauer. Sie bemüht sich um einen Buchverlag, der Drostes Gedichte veröffentlicht. Levin Schücking nutzt ebenfalls seine Kontakte für Droste. Umgekehrt hilft sie dem Freund bei seinen Schreibvorhaben.»Drostes Landleben – Abgründe« von Rita Morrien und Mirjam Springer
In Annette von Droste-Hülshoffs Erzählung Die Judenbuche liegt das »Dorf B.« mitten im Wald. Die Landschaft ist schön, aber das Dorf ist kein guter Ort.
Die riesigen Wälder gehören reichen Landbesitzern. Wer Holz nimmt, etwa zum Heizen, wird bestraft. Einige Männer aus dem Dorf haben eine Gruppe gebildet: die »Blaukittel«. Heimlich fällen sie nachts zahlreiche Bäume, um das Holz zu verkaufen. Dabei wird der Wald stark zerstört. Droste zeigt: Menschen beuten die Umwelt aus, um sich zu bereichern. Die Landschaft wird wie ein Lager für Rohstoffe behandelt.
Eines Tages wird der Oberförster Brandis, der mit seinen Männern den Wald des Gutsherrn schützen soll, tot aufgefunden. Das ist der erste Mord.
Auch im Dorf selbst gibt es viel Gewalt: Gewalt gegen arme Menschen, gegen Frauen, gegen Jüdinnen und Juden. Die Hauptfigur Friedrich Mergel wächst in Armut auf. Die anderen Menschen im Dorf schauen auf die Familie herab. Nach dem rätselhaften Tod des Vaters wird das Leben für Friedrich und seine Mutter Margreth noch schwerer. Sein Onkel Simon bringt ihn dazu, bei den Blaukitteln mitzumachen.
Auch Juden werden im Dorf schlecht behandelt. Sie gelten als fremd, nur weil sie einen anderen Glauben und andere Bräuche haben. Juden stehen im 18. Jahrhundert zwar teils unter dem Schutz von Landesherren. Sie müssen aber dennoch mit Vorurteilen und Diskriminierungen leben. In der Judenbuche gerät Friedrich Mergel in einen Streit mit dem jüdischen Händler Aaron. Friedrich schuldet Aaron Geld. Er beleidigt den Händler antisemitisch. Niemand widerspricht. Kurz danach ist Aaron tot. Das ist der nächste Mord. Auch dieser Mord wird nicht richtig untersucht. Drostes Erzählung zeigt genau, wie Antisemitismus funktioniert: durch Vorurteile, Gleichgültigkeit, Ungerechtigkeit und Gewalt und weil sich die Wut von Schwachen oft gegen noch Schwächere richtet.
Die jüdische Gemeinschaft kauft dem Gutsherrn später einen großen Baum ab, eine Buche. Sie soll als Zeichen der Erinnerung an Aaron in der Landschaft stehen. Der Baum wird zu einem Mahnmal gegen Hass.
Die Geschichte beruht auf einem Mordfall, der tatsächlich in Westfalen passiert ist. In Drostes Erzählung wird aber deutlich gesagt: Solche Orte gibt es überall in Deutschland
Auch im Gedicht Der Knabe im Moor beschreibt Droste eine Landschaft in Westfalen. Rund um Münster gab es damals noch viele Moore. Droste hat auf ihren Spaziergängen beobachtet, wie die Moore allmählich trockengelegt wurden. Und sie hat gesehen, welche Auswirkungen das für die dort lebenden Tiere und Pflanzen hatte. Und damit auch für die Menschen.
In dem Gedicht muss ein Junge jeden Tag durch ein Moor zur Schule gehen. Der Weg ist wegen der Moorlöcher gefährlich.
Der Junge hat Angst und glaubt im Moor Gestalten zu sehen, wie es ihm die Erwachsenen beigebracht haben. Es sind angeblich »Wiedergänger«, also Untote, über die es damals viele Geschichten gab. Alle diese Menschen waren zu Lebzeiten arm und ausgestoßen. Zuerst sieht der Junge einen Totengräber, der früher einmal Geld gestohlen hat, um sich Alkohol zu kaufen. Dann sieht er die »Spinnlenor«, die für die Reichen Wolle spinnen musste. Dann kommt der »diebische Fiedler Knauf«, der bei einer Hochzeitsfeier etwas gestohlen haben soll. Am Ende erscheint noch die »verdammte Margret«. Dieser Name deutet in der Literatur häufig auf eine verzweifelte Kindsmörderin hin.
Sind da wirklich diese unheimlichen Gestalten? Oder wird der Junge nur vom Nebel getäuscht? Droste betont: Wenn Menschen am Rand der Gesellschaft stehen, werden sie in Erzählungen zu Spukfiguren. Die Angst, die durch diese Geschichten erzeugt wird, lebt in den Köpfen weiter.
So beschreibt Droste das Landleben nicht als schön und friedlich. Sie zeigt Naturzerstörung, Armut, Gewalt und Ausgrenzung.
»Schreiben als Prozess« von Thomas Wortmann
Drostes Manuskripte sind oft voll mit Text. Sie schrieb klein und eng. Manchmal strich sie Wörter durch oder fügte neue hinzu. Für uns wirken ihre Texte oft unordentlich. Aber für sie waren sie klar. Sie kannte sich in ihren Notizen gut aus. Ihre Texte sind wie Bilder. Man kann sie nicht nur lesen, sondern auch anschauen.
Droste-Hülshoff schrieb ihre ersten Entwürfe zunächst meist ohne größere Änderungen nieder. Sie dachte die Texte bis dahin im Kopf zu Ende. Nach Niederschrift des ersten Entwurfs arbeitetesie auf dem Papier weiter. Sie änderte Wörter, Verse oder ganze Strophen. Oft schrieb sie mehrere Varianten auf. Sie entschied sich nicht immer für eine Version. Ihre Manuskripte zeigen: Schreiben war für sie ein Prozess. Sie arbeitete ständig an ihren Texten. Das Wichtigste war nicht das Ergebnis. Sondern das Schreiben selbst.
Ein Beispiel ist ihr Gedicht zum Letzten Tag des Jahres (Sylvester). Sie schrieb es in einem Zug. Dann änderte sie vieles. Am Ende zog sie eine Linie unter den Text. Eine kleine, aber wichtige Änderung: Aus »Das Jahr ist um« wurde »Das Jahr geht um«. Vielleicht wollte sie damit sagen: Schreiben ist ein Prozess, der nie aufhört. Für sie war Schreiben eine Art zu leben. Es ging ihr darum, immer weiterzumachen.
»Droste und Musik« von Mirjam Springer
Annette von Droste-Hülshoff konnte gut singen. Sie hatte eine schöne, leise Stimme. Und sie konnte gut Klavier und Orgel spielen. Sie hat sogar selber komponiert. Komponieren bedeutet: sich Musikstücke ausdenken. Ihr Onkel Maximilian von Droste-Hülshoff war ein richtiger Komponist. Er hat ihr 1821 ein dickes, selbst geschriebenes Buch geschenkt. Darin hat er zum Beispiel aufgeschrieben, welche Regeln man beim Komponieren beachten muss und welche Instrumente es gibt.
Droste hat ungefähr zwanzig Lieder komponiert. Diese Lieder hat sie alle aufgeschrieben. Jemand singt in den Liedern, dazu spielt ein Klavier. Droste hat sich auch gern einfach so ans Klavier gesetzt und sich Musik ausgedacht. Solche Stücke hat sie dann nicht aufgeschrieben. Das nennt man »Improvisieren«. Das konnte Droste wohl richtig gut.
Manche Lieder hören sich so an, als ob Droste sie gerade erfindet. Zum Beispiel Das Indische Brautlied. In diesem Lied geht es um jemanden, der verliebt ist. Dieser Mensch hofft, die Geliebte bald wiederzusehen. In der Musik, die Droste dafür erfunden hat, macht die Stimme viele seltsame Schnörkel.
Droste hätte auch gern eine Oper geschrieben. Eine Oper ist eine lange spannende Geschichte, die mit vielen Sänger*innen und einem Orchester im Theater aufgeführt wird. Doch Droste hat es nie geschafft, eine Oper zu schreiben. Damals hatten die meisten Mädchen und Frauen nicht die Möglichkeit, richtig zu lernen, wie man das macht.
In vielen Gedichten hört man auch: Droste hatte ein Ohr für besondere Klänge. Man könnte sagen: Sie hatte ein ›musikalisches Ohr‹. Wenn jemand zum Beispiel ihr Gedicht Der Knabe im Moor vorliest, dann hören wir das Knacken der Äste, das Rauschen des Windes. Wir hören sogar, dass der Junge Angst hat.
»Drostes Kopfkino« von Şahin Kürküt
Wie konnte es mir gelingen, das Arbeitszimmer von Annette von Droste-Hülshoff zu betreten, ihre Gedichte zu verstehen und ihre Worte zu übersetzen?
Nach langer Recherche und mit von Unterlagen schwer gewordenem Gepäck erklomm ich Schritt für Schritt die lange Treppe zu ihrer Gedankenwerkstatt.
Als ich ihr Arbeitszimmer betrat,
Da grüßen mich viele Stimmen;
»Nicht bin ich Hassan, und Jener nicht,
Doch halt’ ich [Annettes] Gebote,
Drum hat [sie] gesegnet das Antlitz mir,
Daß ich Jegliches Freund [ihr] erscheine.«
Sofort wurde mir klar, warum Worte allein mich bisher nicht weitergebracht hatten. Es waren die Gemälde und Tapeten im Rüschhaus und den Zimmern, in denen sie wohnt hat, die vor meinen Augen zu einem Film wurden. Ich begann ihre Gedichte als sich langsam bewegende Bilder zu erkennen. Jedes Gedicht wurde mir zu einem Kurzfilm, der eine Geschichte erzählte. Der Kurzfilm ist eingeteilt in Sequenzen, unter Einsatz von Metrik und Reim als Mittel der Regie – dies erschien mir umso erstaunlicher als die Gedichte aus einer Zeit stammen, in der dem Erzählen nur wenige visuelle Medien zur Verfügung standen.
Ich begann also, ein Gedicht als Bild oder als Kurzfilm zu betrachten. Durch diese visuelle Herangehensweise gelang es mir, passende, wortgewaltige Bilder heranzuziehen. Ich musste die Worte nicht wiedergeben. Ich lasse die Filmszene auf Kurdisch (Kurmancî) spielen.
»Droste und der literarische Kanon« von Claudia Liebrand
Heute spricht man oft nicht mehr von dem literarischen Kanon, sondern von vielen verschiedenen Kanons. Trotzdem gibt es im Schulunterricht noch immer »den Kanon der deutschen Literatur«. Dazu gehört auch Annette von Droste-Hülshoff. Sie ist die einzige Frau im deutschen Kanon des 19. Jahrhunderts. In England dagegen wurden mehrere Schriftstellerinnen aus dieser Zeit anerkannt, zum Beispiel Jane Austen oder die Brontë-Schwestern. Droste bleibt im deutschen Kanon also ein Sonderfall.
Ob Autor*innen Teil des Kanons werden, hängt nicht nur von der Qualität der Texte ab. Wichtig ist ein Zusammenspiel von Institutionen, Literaturkritik, Schulen und gesellschaftlichen Gruppen. Dies nennt die Forscherin Simone Winko ein »invisible hand«-Phänomen. »Invisible hand« ist Englisch für »unsichtbare Hand«.»Invisible hand«-Phänomen heißt: Viele wirken daran mit, aber niemand steuert es ganz.
Droste wusste, wie zufällig Ruhm entstehen kann. In Briefen schrieb sie, dass Dichter oft schnell wieder vergessen werden. Sie selbst musste nicht vom Schreiben leben, hatte aber weniger Möglichkeiten als männliche Kollegen, sich aktiv bekannt zu machen . Dennoch wollte sie gelesen werden – besonders von späteren Generationen. Dabei half ihr der jüngere Schriftsteller Levin Schücking, der ihre Texte veröffentlichte und anordnete. So erschien ihre berühmte Erzählung Die Judenbuche 1842 in einer Zeitung.
Schon 1838 war ein erster Gedichtband erschienen, aber ohne, dass ihm Erfolg beschieden war. Herausgeber Christoph Bernhard Schlüter stellte Droste vor allem als katholische Dichterin dar. 1844 brachte Schücking eine neue Sammlung heraus, die sie eher als westfälische Autorin zeigte. Diese beiden Bilder – die katholische Dichterin und die Dichterin Westfalens – prägten lange die Wahrnehmung von Droste in der Öffentlichkeit.
Besonders wichtig für ihren Platz im Kanon war aber, dass bekannte Autoren wie Theodor Storm ihre Werke in Anthologien aufnahmen. Dabei spielte im Falle von Drostes berühmter Erzählung sogar eine Titeländerung eine Rolle: Der Redakteur Hermann Hauff benannte Drostes Sittengemälde aus dem gebirgichten Westphalen in Die Judenbuche um. Dieser Titel passte zufällig perfekt in die damals verbreitete Theorie der Novelle. Das half dabei, dass die Erzählung in eine große Sammlung aufgenommen wurde. Ohne diesen Schritt wäre Droste vielleicht nie Teil des Kanons geworden.
»Daguerreotypien und Wahrnehmung« von Rita Morrien
Im 19. Jahrhundert wurden Bilder immer wichtiger. Mit der Erfindung der Daguerreotypie 1837 durch Louis Daguerre entstand eine neue Technik: Menschen konnten nun ihr Bild festhalten lassen. Doch diese Fotos waren keine spontanen Abbilder, sondern sorgfältig inszeniert. Man musste lange stillsitzen, Kleidung und Haltung wurden bewusst gewählt. So zeigen Daguerreotypien nicht einfach die ›wahre‹ Person, sondern ein geplantes Bild.
Auch von Annette von Droste-Hülshoff gibt es mehrere Daguerreotypien, die um 1845 angefertigt wurden. Wir sehen Droste streng und schlicht gekleidet. Eine Daguerreotypie stellt sie mit einem Buch in der Hand dar. Diese Bilder präsentieren sie als ehrbare Dame nicht unbedingt als die Dichterin, die in ihren Texten von der Sehnsucht nach Entgrenzung und dem Bruch mit gesellschaftlichen Normen schrieb.
Fotografie spielte eine große Rolle im Denken des 19. Jahrhunderts. Sie zeigt einerseits ein Abbild der Wirklichkeit, andererseits nur einen Ausschnitt davon und lässt vieles im Dunkeln. Schon Dichter wie Goethe, Jean Paul und Kleist hatten über Wahrnehmung und Wirklichkeit nachgedacht, angeregt durch neue Sehhilfen und optische Geräte wie Mikroskop, Fernrohr und Laterna magica. Droste-Hülshoff war wegen ihrer Kurzsichtigkeit besonders aufmerksam für Fragen des Sehens. Auch in ihrer bekannten Erzählung Die Judenbuche bleibt vieles im Dunkeln. Die ›Wahrheit‹ ist auch eine Frage der Perspektive und des gewählten Ausschnitts. Das zeigt die Novelle.
In ihren späten Jahren setzte sie sich in Gedichten mit der Daguerreotypie auseinander. Dabei sah sie die Fotografie nicht in erster Linie als Fortschritt, sondern verband die neue Technik eher mit etwas Geisterhaftem, mit einem Zustand zwischen Realität und Traum. In drei Gedichten taucht Daguerres Technik auf: in Doppeltgänger, in Durchwachte Nacht und in An Elise in der Ferne. Mit meinem Daguerrotyp. Die Texte vergleichen die Daguerreotypien mit Erinnerungsbildern. Droste betont aber vor allem den Aspekt der Unwirklichkeit.
Besonders ihr Gedicht An Elise in der Ferne. Mit meinem Daguerrotyp verbindet Fotografie mit Tod und Vergänglichkeit. Das Foto wird im Gedicht zu einem Schattenbild, fast wie ein Vorzeichen ihres nahenden Todes. So zeigt sich: Für Droste war Fotografie kein Beweis der Wirklichkeit, sondern eine Spur des Vergänglichen.
»Sehnsucht nach Entgrenzung« von Rita Morrien
Am Thurme lebt von Spannungen: zwischen oben und unten, innen und außen, weiblich und männlich, Emanzipation und Anpassung. Das Gedicht schildert Konflikte mit der patriarchalischen Geschlechterordnung im 19. Jahrhundert – also mit einer Ordnung, in der Männer die Vorherrschaft über Frauen ausüben. Dies spiegelt sich im Kontrast zwischen inhaltlicher Grenzüberschreitung und formaler Strenge wider. Der Text hat vier gleichmäßig gebaute Strophen mit je acht Versen, Kreuzreim, mit wenig gebrochenem Daktylus.
Das Gedicht setzt zu Beginn weibliche Stärke und Leidenschaftlichkeit in Szene: Die Sprechinstanz steht auf dem Balkon eines Turms und damit räumlich isoliert, dazu noch in einem Schwellenraum zwischen innen und außen, wo sie sich also zeitweilig von der Gesellschaft und ihren Regeln distanziert. Ihr Aufbegehren zeigt sich in dem rahmenden Motiv der wild flatternden Haare, die Widerstand ausdrücken. Diese sinnliche Geste des Aufbegehrens gegen gesellschaftliche Normen kann jedoch nur heimlich vollzogen werden.
Kulturgeschichtlich gilt offen getragenes Frauenhaar als Symbol für (Verführungs-)Kraft, Unangepasstheit und Leidenschaftlichkeit. Bis in Teile unserer heutigen Kultur reicht der Zwang, das Haar zu bändigen, hinein. Dieser Zwang bedeutet in der Regel eine Einschränkung des weiblichen Handlungsraums und Anpassung an das patriarchale Regelwerk. Annette von Droste-Hülshoff belässt es aber nicht bei einem ›heimlichen Lösen des Haars‹. Vielmehr entwirft sie als Kontrastfigur zum Ideal weiblicher Tugendhaftigkeit das Bild einer ekstatischen »Mänade« in Vers 3, die von der elementaren Kraft des Sturms durchdrungen wird.
In den weiteren Strophen wird das Sehnsuchtsbild weiblicher Unangepasstheit fortgeführt. Der Blick gleitet hinab auf den Strand und über die Weite des Meers: Die Sprechinstanz imaginiert sich im wilden Spiel mit den Wellen in Strophe 2 und am Steuer eines gegen die Brandung ankämpfenden Schiffes in Strophe 3. In der Fantasie verlässt sie also den Schwellenraum (Balkon) und durchbricht die ihr als Frau gesetzten Grenzen.
Die letzte Strophe führt dann zurück in die gesellschaftliche Realität des 19. Jahrhunderts. Im Konjunktiv denkt das sprechende Ich in Vers 25 und 26 darüber nach, welche Handlungsmöglichkeiten es als Mann hätte: »Wär ich ein Jäger auf freier Flur, / Ein Stück nur von einem Soldaten«. Diese Überlegungen laufen aber nicht auf den simplen Wunsch eines Geschlechtertausches hinaus. Auch Männer sind an Regeln und Normen gebunden. Sie müssen ihre Männlichkeit unter Beweis stellen und sind, je nach Position, auch nur Befehlsempfänger. Die letzten vier Verse stehen in einem scharfen Kontrast zum visionären Anfang des Gedichts. Sie beschreiben den unbefriedigenden Ist-Zustand der Sprechinstanz und sind resignativ – scheinbar: »Nun muß ich sitzen so fein und klar, / Gleich einem artigen Kinde«. Am Ende steht jedoch wieder die mit einem Ausrufezeichen betonte Möglichkeit, das Haar zu lösen – oder anders gesagt: sich auf die elementaren inneren Kräfte zu besinnen, die sich durch keine Ordnung bändigen lassen. Darum resigniert das sprechende Ich auch nicht, sondern bevorzugt es, an seinen Texten zu »sitzen«.
Dem Gedicht kommt ein besonderer Stellenwert in Droste-Hülshoffs Werk zu: Es führt uns vor Augen, dass dem sprechenden Ich bei aller Gebundenheit an gesellschaftliche Konventionen der grenzenlose Raum der Fantasie bleibt – und damit des Schreibens. In der Forschung wird der »Thurm« so auch als der »spezifische Ort der Poesie« bezeichnet. Diese These wird dadurch gestützt, dass am realen geografischen Entstehungsort des Gedichtes, nämlich dem nordöstlichen Turm der Meersburg am Bodensee, kein Blick auf einen »korallenen Wald« aus Vers 15 und ein »Wallroß« aus Vers 16 fallen kann.

Droste Welten: Burg Hülshoff
Droste Welten: Burg Hülshoff eröffnet im Frühjahr 2027
Zukünftig findet ihr an dieser Stelle vertiefende Texte zu den Inhalten der neuen Ausstellung.
Droste Welten: Lyrikweg
Droste-Landschaft : Lyrikweg ist ein durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördertes Themenwegprojekt der Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung. Es entwickelt den Weg zwischen Burg Hülshoff und Haus Rüschhaus, den die Dichterin Droste-Hülshoff (1797-1848) in ihrer zweiten Lebenshälfte oft zurücklegte, als spielerischen, vielschichtigen Erlebniswanderweg. Der Lyrikweg lädt Einheimische, Touristinnen und Touristen gleichermaßen dazu ein, auf den Spuren Droste-Hülshoffs die Landschaft zu durchwandern, die Inszenierung von Gegenwartsliteratur und historischen Texten im öffentlichen Raum zu erleben und die Natur im Jahresverlauf und in Zeiten des Wandels zu beobachten.
Der Lyrikweg hat eine eigene Homepage, auf der ihr detaillierte Infos, Karten und die Lyrikweg-App finden könnt
Im Projekt Trans|Droste werden Texte von Annette von Droste-Hülshoff in andere Sprachen übersetzt. Dafür kommen Übersetzer*innen in verschiedene Sprachen digital zusammen, um über ihre Arbeit an den Texten zu sprechen. In mehreren Teil-Laboren tauschen sie sich über sprachliche Besonderheiten aus und behandeln Probleme, die sich beim Übersetzen ergeben.
Das Droste Pad ist eine Plattform für Vermittlung. Sie bietet kostenfreie Materialien im Bereich der kulturellen und ökologischen Bildung. Es gibt kreative Lern- und Spielformate für 0-99 Jahre. Damit richtet sich das Droste Pad an Lehrende, Kulturvermittler*innen, Pädagog*innen und Menschen jeden Alters.