not dying
Ingeborg Bachmann schildert in ihrem unvollendeten Todesarten-Projekt, auf welche Weise Faschismus, Kolonialismus und Misogynie als Denkstrukturen in die gesellschaftliche DNA eingedrungen sind. Die Ausstellung »not dying« im Haus Rüschhaus zeigt Positionen aus Bildender Kunst und Literatur, die ebenfalls diese Formen der Gewalt aufarbeiten und sich gegen sie aufstellen. Wir können nicht von einem Ende dieser Gewaltstrukturen sprechen, aber genauso wenig stirbt der Widerstand gegen sie aus.

mit Werken von Christiane Blattmann, Brigitte Dunkel, Nora Hansen, Kate Mackeson, Anna McCarthy, Ani Schulze, Miriam Stoney, Maria VMier, Alison Yip und Studierenden der Kunstakademie Münster: Evelyn Deller, Selena Knoop, Johanna- Sophie Kos & Tomte Rieder, Leah Morawe,
Sofia Sjöström, Helena Maeve Segin
mit Texten von Dorothee Elmiger, Heike Geißler, Simoné Goldschmidt-Lechner, Charlotte Krafft, Miedya Mahmod, Jovana Reisinger,
Monika Rinck, Simone Scharbert, Karosh Taha, Evan Tepest
und einer Audio-Installation mit Texten von
Quinn Latimer, Snejanka Mihaylova, Mayra A. Rodríguez Castro,
Tanasgol Sabbagh, Nhã Thuyên, Eugene Yiu Nam Cheung;
Komposition von Fabian Saul, kuratiert von Mayra A. Rodríguez Castro, Mathias Zeiske
Nora Hansen und Karosh Taha
Nêrgiz, ein Frühlingsgedicht (16. März 2025)
Nêrgiz
als blühtest du im Märzdabei bist du im Herbst geboren warum läufst du
mit den wilden Tieren im Innenhof umher
du hättest gerne das Gesicht der Hyäne genommen um es auf deines zu legen
wie ein Felsen vom Berg fällt man in deinen Schoß zum ersten Mal
hörtest du jemanden über dich sagen sie ist in der Wildnis geboren
und sie hatte niemanden
der sich um sie kümmerte
Nêrgiz gingin sich setzte sich nieder und weinte über die verkohlte Leiche
versammelte sich der ganze
Hausstand sie hatte keinen Vater sie
hatte keine Mutter aber sie hatte ein
Gesicht in das man gerne schlug
den weißen Schleier reißt man gegen die Decke sein Blick belastet ein Gesicht
dieses Wildtiers
seine Finger auf deinen Halswirbeln zum Scherz sagte er so zarte Knochen ich könnte dir
das Genick brechen so zart sagte er zum Scherz du hast nicht gelacht ich mag keine
traurigen Frauen von heute auf morgen ist deine Welt bedeutungslos von gestern auf
übermorgen war deine Welt schon immer in der Nacht legst du dir einen Stein auf
die Zunge aber am Morgen wachst du trotzdem auf
bedeutungslos frisch vermählt
ist Nêrgiz zum Newroz frisch geköpftdie Gänseblümchen an den anderen Gänseblümchen
reißt sie die Blüten
ich habe einen Vater ich habe keine Mutter ich habe keinen Vater ich habe eine Mutterich habe einen Vater ich habe keine Mutter ich habe keinen Vater ich habe eine Mutter
die sagt
Nêrgiz bring ihm nicht deine Zornesfalten denn du kennst die Geschwindigkeit seinerFaust
Nêrgiz man hat dich zu einem niedrigen Preis verkauftGegen eine sonnige Gartenmauer lehnte sich Nêrgiz bis ihr der Schweiß in das Kreuz
rann an einem frühen Morgen trägst du den Gaskanister mit einer Schachtel Streichhölzer
aus der Küche in das Badezimmer die anderen schlafen auf dem Dach bis ein brennender
Körper schreiend und um sich schlagend aus dem Badezimmer rausrennt im Innenhof in
sich stürzt.
Karosh Taha
Nêrgiz, a spring poem (16th March, 2025)
Nêrgiz
as you bloomed in Marchbut then again you were born in autumn why do you run
around the courtyard with the wild animals
you would have liked to take the face of the hyena to lay it upon your own
like a rock from the mountain falling into your lap for the first time
did you hear somebody say of you she was born in the wild
and she had no one at all
who was there to care for her
Nêrgiz turnedinwards sat down and wept over the charred body
gathered together the whole of
the household she had no father she
had no mother although she did have a
face that one might well like to punch
the white veil torn against the ceiling his gaze bearing on a face of this wild
creature
his fingers around your neck just a joke he said such tender bones I could break your neck
so tender he said just a joke you did not laugh I don’t like sad women from one day to the
next your world so meaningless from one day to the one after next your world was always
so in the night you place a
stone upon your tongue but in the morning you wake despite
meaningless just wed
Nêrgiz to Newroz just behead'
the daisies to the daisiesshe tears the blooms
I have a father I have no mother I have no father I have a mother
I have a father I have no mother I have no father I have a mother
who says
Nêrgiz bring him not your furious brow for you know all too well the speed of hisfist
Nêrgiz you have been sold for too small a price
Against a sunny garden wall Nêrgiz lent until the sweat ran into the small of her back on
one early morning you carry the gas cannister with a pack of matches from the kitchen
into the bathroom the others are sleeping on the roof until a burning body runs out of the
bathroom lashing out and screaming in the courtyard collapses.

Nora Hansen, »Subconscious (ruin, failure, collapse, betrayal)«; »Subconscious (sense of belonging, wholeness, harmony)« 2023, Digitaler Textildruck auf U-Circular Mesh, Plexiglas, Metall; »Subconscious (prince carnival)«, 2023, Nylon Taft, Plexiglas, Metall Brigitte Dunkel und Simone Scharbert
Ein Tag wird kommen
Ein Tag wird kommen, eine Stimme, tief, aus dem Innern eines
Körpers oder eines Grabes, deines Körpers oder deines
Grabes, dünn wird sie sein, hinauf- oder hinaussteigen wird
sie, die Zeit wird keine Rolle spielen, ein Stimmschweben
vielleicht (an Seesterne denke ich, wie sie schwimmen, wie sie
schweben), formen wird sie sich, in meinem oder deinem
Hirn, ein Damals-Gestirn, und weiter zu Dahlien sich
verwachsen, schwarz und dünn, nahezu unsichtbar (so sicher
ist das schließlich alles nicht, oder?) und: soll es nicht heißen,
die Andere in dir?,
und ja, das ist eine Frage, wenn auch vage, du aber streckst
deinen Fuß leicht nach vorn, hebst ihn an, in einen Ton, ins
Nichts, in Vergangenheit auch, eine Frau ist zu erschaffen, steht
da irgendwo geschrieben, von Mord aber ist zu lesen, damals,
die 40er, schon beim ersten Gurgeln von Worten und Sätzen,
weiter den Tag besetzen, auch später, auch jetzt, keine
Änderung in Sicht, stattdessen: Buchstaben reihen, das
Alphabet beleihen, dein Mund aber geschlossen,verschlossen, da ist nichts zu machen,
ein Tag wird kommen, jetzt aber immer jemand, der etwas
über dich legt, um dich zieht, als könnte man dich schnüren
wie ein Paket, ein Band, eine Schleife, borrowed light, ganz
tight, wie es eindringt aus der Fassung einer Geschichte,
deiner Geschichte, du, Shaker Girl, gezogen, erzogen,
überzogen, von drag zu trag!, ein Tragen, Betragen, Vertragen,
wie viel?, und ja, auch das ist eine Frage, Shaker Girl oder
Elizabeth Short, ganz kurz nur, short, so sicher ist das alles
nicht, soll es nicht heißen, die Andere in dir?, und weiter, immer
weiter, ein Fuß nach dem andern, im geheimen wird wieder
entworfen, was eine Frau ist, und sieh, ja du! im Anschein einer
Tracht, Jahrhunderte verbracht,
ein Tag wird kommen, ein Anziehen und Ausziehen, aus dir,
aus dem Körper, Hände, die sich dir nähern, sich auf dich
legen, sich entfernen, ein Hin und Her, Shaker Girl, ein Zofen-
Effekt, auch davon ist die Rede, und deine Schuhe, wie sie da
stehen, kurz vorm Ausschreiten, Hinausschreiten, vorm
Aufbrechen, und ja, das ist keine Frage,
dieser Tag wird kommen.
Simone Scharbert
A day will come
A day will come, a voice, deep, from within a body or a grave,
your body or your grave, it will be thin, it will climb up or out,
time not a factor, a voice afloat perhaps (it’s star7ish I’m
thinking of, how they swim, how they float), it will form itself,
in my brain or yours, a once-was brain, and on it will grow,
into dahlias, thin and black, almost invisible, (it’s all not so
certain after all, is it?) and should it not say, the other in you?
and yes, that’s a question, if not vague, but you stretch your
leg out slightly forwards, raise it slightly, into a sound, into
nothingness, the past too, a woman is to be made, that’s what
it says there, written somewhere, but it’s murder that can be
read, back then, in the 40s, even with the first gurgle of words
and sentences, keep filling the day, later too, and now as well,
no change in sight, instead: line up the letters, loans on the
alphabet, your mouth however closed, lets nobody know,
there’s nothing can be done here,
a day will come, but now always someone, something laid over
you, wrapped around you, as if you could be tied up like a
package, a ribbon, a bow, borrowed light, right tight, burst in
from the version of a story, your story, you, Shaker Girl,
dragged, dragged up, dragged out, and from drag to traj! A
trail, betrayal, entails, how much? and yeah, that too’s a
question, Shaker Girl or Elizabeth, not long, short, it’s all not
so certain after all, should it not say, the other in you? and on
and on, one foot after another, on the inside it’s redefined,what
a woman is, and look here, yes you! looking like a costume, the
centuries spent,
a day will come, a dressing and an undressing, from you, from
the body, hands, that approach you, lay upon you, remove
themselves, a toing and froing, Shaker Girl, a toing and froing,
a maid-effect, made them talk, and your shoes, standing there,
about to step out, step out into, about to break out, and yeah,
that’s not a question,
this day will come.

Brigitte Dunkel, »THE SHAKER GIRL«, 2020-23, mehrteiliges textiles Objekt, handgefertigt, tragbar, Schaufensterpuppe Maria VMier und Dorothee Elmiger
Erst habe ich lange nachgedacht, bin so, ständig denkend, herumgefahren in der Stadt, Ende Februar, Anfang März, und es war noch immer kalt in jenen Wochen, und alle Böden stellten sich als dünn, alle Gefäße, Gebilde als ungemein zerbrechlich heraus, ja, es drängte in jenen Wochen etwas, so dachte ich, ans Licht, es verschaffte sich Raum, kehrte wieder, war aus irgendwelchen Schründen, Klüften, Kellern hochgekommen. Ich fuhr in der U-Bahn durch die Stadt und dachte über den dünnen Firnis, über Risse in der Bildschicht, über das nun irgendwie Aufgebrochene, irgendwie Zerbrechende, sich rasch Entfesselnde nach, ich bewegte mich so, denkend, durch die Stadt, es herrschte Winter, der Winter war lang gewesen, und noch immer lag Eis auf den Straßen, schwarzes Eis, ja, in diesen Begriffen dachte ich in jenen Wochen, kleine Gläser, Vasen mit Sprüngen, Objekte unter Druck et cetera. Jahre zuvor gelesene Zeilen, Sätze fielen mir jetzt wieder ein, während ich in der U-Bahn durch die schwarzen Tunnel fuhr. Malina: »Es ist Krieg. Und du bist der Krieg.« »Wir alle sind es, auch du.« Die Frau: »Ich nicht.«
»Dann will ich nicht mehr sein, weil ich den Krieg nicht will«. Und erst spät, nachdem ich mich lange so durch die Stadt bewegt hatte, in Schlaufen, in Kreisen, und über das unheimliche Hervorbrechen, die Vorgänge, Verschiebungen jener Wochen nachgedacht hatte, ohne je ein Wort aufzuschreiben, erinnerte ich auf einmal Jelineks Formulierung der »Rißautorin Ingeborg Bachmann«, und ich schlug die letzten Seiten von Malina auf, wo die Frau, ich, wie es dort heißt, an die Wand geht: »Ich bin an die Wand gegangen, ich gehe in die Wand«, sagt sie, »ich gehe in die Wand, ich halte den Atem an.« Weil ich den Krieg nicht will, ich nicht, dachte ich, gehend, in jenen Wochen Ende Februar, Anfang März, und las weiter: »Aber die Wand tut sich auf, ich bin in der Wand, und für Malina kann nur der Riß zu sehen sein, den wir schon lange gesehen haben.«12. März
Dorothee Elmiger
First I had a long think, thinking constantly, I rode around the city, end of February, start of March, and still in those weeks it was always cold, and everywhere the ground turned out to be very thin, every container, every formation terribly fragile, yes, in those weeks something was pressing, so I thought, into the light, it made space, came back again, had risen up from of some sort of lesion, chasm, or crypt. I rode the subway through the city and thought about the thin varnish, about cracks in the image surface, about what was now somehow broken open, somehow breakable, soon to be unleashed, I moved, thoughtfully, through the city, winter reigned, the winter had been long, and there was still ice on the streets, black ice, yes, I thought in such terms in those weeks, little glasses, vases with cracks, objects under pressure, et cetera. Lines read years ago, sentences occurred to me once again as I rode the underground through a black tunnel. Ma- lina: ‘It’s war. And you are the war.’ ‘We all are, you included.’ The woman: ‘Not me.’ ‘Then I don’t want to be anymore, because I don’t want war.’ And it was already late, having moved through the city for such a long time, in loops, in circles, and thought about that un- canny bursting out, the occurrences, the shifts of those weeks, without having written down a single word, when I suddenly recalled Jelinek’s formulation, the “Author of Cracks, Ingeborg Bachman,” and I opened the final pages of Malina, where the woman, I, as it were, goes to the wall: ‘I’ve stepped over to the wall, I walk into the wall,’ she says, ‘I go into the wall, holding my breath.’ Because I don’t want war, not me, I thought, as I went, in those weeks at the end of February, the start of March, reading on: ‘But the wall opens, I am inside the wall, all Malina can see is the crack we’ve been seeing all along.’
12th March
![Maria VMier,»Gedanken, die sich berühren; Drei Brücken [—]«, 2024, Tusche, Pigment, Ölkreide, Buntstift, Kohle und Acryl auf perforiertem Papier not dying](/sites/default/files/styles/1920w/public/2025-05/R-19.jpg?itok=t4Uru9We)
Maria VMier,»Gedanken, die sich berühren; Drei Brücken [—]«, 2024, Tusche, Pigment, Ölkreide, Buntstift, Kohle und Acryl auf perforiertem Papier Miriam Stoney und Monika Rinck
FIRST REFUSAL: Springer auf das schöne Zentralfeld D5. Springer: HAHA.
Verweigerung. Schachschachmatt. Abfuck.
Second Refusal: Ich mach auf diesem Feld nichts mehr. Vorgeführte Figur, die nicht springt.
Unmöglich. Sie legt sich hin. Speedball. Schau, sie scheut schon wieder.
Third Refusal. Heute kein Pfirsich für dich. Springer am Rande bringt kein Komma zustande. Was ist das für ein mieses Feld? Hoister the playing field. Senke es wieder ab. Tu so, als sei nichts. Wieher. Wieher. Wieder scheut sie. Aufgebracht. Wohin mit ihrem Widerstand? Mit ihrem Widerstreben? Abgestoßen, angezogen, graduell auf sich bezogen.
Also damit, meine Domen und Hörren, werte Turnierleitung, liebe Verwandte und andere Kranke, damit identifiziere ich mich sicherlich nicht.
Hopp, hopp, hopp, spring jetzt übers Joch. Nope. Wie soll ich über ein Joch springen, das ich selber trage, hopp? Hopp? Ich wünsche, dass Sie das jetzt sagen. Das Joch eines weiblichen Über-Ichs, das die Ansprüche der patriarchalen Gesellschaft errät und übererfüllt – bis das Ich zur Hilfe eilt und singt: Ich springe nicht. I won’t spring. Ihr jetzt erstmal: Levelt das vadamte Playing Feld. Hummellümmel! Bis es nicht mehr weitergeht. Andere Frage: Wie frei ist der Springer gegenüber den Regeln? Die hat er doch ooch nüsch jemacht.
Forth Refusal. Das Prinzip der Verfehlung. Die Schulter des Springers verdreht sich. Nur die Dame, die kann alles. Aber sie hat frei. Ist krank. Hat Kolik. Man weiß nicht so genau. Das erschöpfte Pferd, die Weiden, ein Heer fremder Wesen. Angelockt vom Geisterlicht. Etwas Besseres gibt es nicht. Hier ist ein Pfürsüsch. Für düsch. Und du läufst schreiend raus, als stündest du in Flammen. It was perhaps her way of crying. Vielleicht war das ihre Art zu weinen. Oder ein Lachen, das nichts mit Komik zu tun hat. Fifth Refusal.
Monika Rinck
FIRST REFUSAL: Knight coming into the lovely midfield. D5. Knight: HAHA.
Refusal. Checkcheckmate. Fucked off.
Second Refusal: I’m not doing anything on this here field anymore. Figure brought up, to not jump.
It can’t be. She’s lying down. Speedball. Look, she’s shied again.
Third Refusal. No peach for you today. Knight on the edge can’t get a comma out. What is this lousy field? Hoister the playing field. And sink it once again. Act like nothing’s wrong. Neigh. Neigh. Nay, she’s shied again. Riled up. And where to, with her revolt? With her reluctance? Repulsed, reeled in, gradual reference to herself.
And with this, loidies and juntlemayn, esteemed tournament management, dear relatives and other sickos, with this I shall certainly not identify.
Hop, hop, hop, now jump the yoke. Nope. How to jump over a yoke that I’m carrying on my back, hop, hop? I just wish you’d spit it out. The yoke of a feminine superego that sizes up the demands of the patriarchal society and exceeds them – until the ego runs for help and sings: I won’t jump. I won’t spring. All of you now: Level the daymn playing field. Buzz zzzuppp! Til it can’t go on any longer. Another question: how free is the knight in the face of the rules? Ee a’n’t dunnit eeva.
Fourth Refusal. Transgression principle. The knight’s shoulder twisted. Only the lady, she can do anything. But she’s off today. She’s sick. Got colic. Not sure about the details. The horse exhausted, the pasture, an army of strange natures. Lured by ghostly light. Nothing else seems right. Here’s a peech. Fur thee. And you run off screaming, like you’d been set on fire. It was perhaps her way of crying. Perhaps that was her way to cry. Or a laugh that had nothing comical about it. Fifth Refusal.

Miriam Stoney, »First Refusal«, 2022, Sprunghindernis, Obstschalen, Zwiebeln, Disteln, Kaffeelöffel, Kaffee, Austernschalen, Bücher Anna McCarthy und Simoné Goldschmidt-Lechner
1
Im Restaurant über meine Verhältnisse Störkörper sein, like a true libra
bestelle ich
Kaviar, Hummer, Meeresgetier, das ich nie verzehren werde,
Allergie – unsterblich von meiner Position auf den Teller niederstarrend,
sehe ich dort
deine erstarrten Bewegungen, ständig zerfließend im Inhalt, der nicht der Inhalt ist.
Der Schauplatz ist dein Körper, die über deinen Kopf gestreckte Hand, während du zerfließt und dich wieder zusammenfügst.
Jetzt innegehalten, eine Dreistigkeit in diesem Tanz, verbundene Elemente, angehaltene Anpassung(sfähigkeit).
Ich bin ein Riese deiner Wahrnehmungsmacht.
Anna Morandi Manzolini erschuf mit ihren Händen eine anatomische Grundlage für die Welt, mit Exkommunikation bedroht,
die Sehnsucht nach Verstehen, Heiligkeit. Ich schelte meine Führbarkeit, meine Bewegungen werden meine eigenen
ich bezahle
einfach
Cash
Kreditkarte
und sonst zahlen wir eben in Naturalien, seit die Welt angebrochen ist
oder in Blut
oder unser Körper wird zu Wachs
in Anna Morandi Manzolinis Händen.
Deine sind in die Höhe gereckt,
fügst du dich ein in einen Tanz, sag. Sprich,
welchen.
Einen Tango, Solo,
so entkommt man der Führbarkeit, formt aus WutStörkörper, schmeißt mit Chitin nach Panzern,
vor der Grundlage der Welt.
So lässt sich eine Welt begreifen, greifen, umschließen
ein Beschluss: I am not your liberty.
2
Der zweite Versuch wird weicher. Du stellst dir vor, einen Raum zu betreten. Über dir sanftes Licht,
das deinen Blick unscharf werden lässt. In den Augenwinkeln, die du nicht bewegen kannst, tanzen
die mouches volantes.
Dieselbe Hülle wie jene Materialgleichheit, auf unterschiedliche Art ist etwas genommen
ashé, ashé
vor tausenden Jahren die gleichen Ahnungen wie jetzt
erinnere dich an den Moment der Zusammenkunft
ashé, ashé
der besondere Tod ist der, der nicht nur Körper, sondern Erinnerung, nicht nur Haut, sondern
Sprache, nicht nur Haar, sondern jede Lücke, in der sich etwas von dir und deinen
festsetzen kann
beinhaltet
dagegenhalten ist in dieser tiefsten aller Gewalten weiterexistieren
und – dreist – Freude empfinden zu können, tausend Tode zu sterben und im petite mort anzukommen, tanzend.
Vor tausenden Ahnen die gleichen Momente wie jetzt
ashé, ashé
auf alle Zukunftsvorstellungen
3
In diesem Teil weinst du, nicht aus Trauer, weil die Erwartung
die von Tränen ist, man soll trauern
der Tod ist traurig
aber wenn jeden Tag
an den Litfaßsäulen aushängt
baby murdered
child raped
woman burnt to death
haben die vielen Worte den richtigen
Todestenor
überlagert
1
Das Zählen beim ausgehenden Atem kann nur rückwärts funktionieren.
We are still here.
Zitternd diese Worte wiederholen, um sich an etwas zu erinnern, das nie existiert hat,
dreist
im Tanz
I am your libertine.
Simoné Goldschmidt-Lechner
1
In the restaurant my body disrupts my means, like a true libra
I order
caviar, lobster, seafood, which I will never eat,
allergy – invincible from where I’m glaring down at my plate,
there your
movements have become stiff, always dissolving in content that’s not content.
The scene is your body, hand stretched above your head while you dissolve and put yourself together again.
Now paused, an impudence within this dance, connected elements, halted adaptation (ability).
I am a giant of your power to perceive.
Anna Morandi Manzolini created an anatomical foundation for the world with her hands, threatened with excommunication,
the desire for understanding, sanctity. I scold the ease with which I’m led, my movements become my own
I pay
just
cash
credit card
and otherwise we pay in kind, since the world’s been broken like a banknote, or in blood
or our body turns to wax in Anna Manzolini’s hands.
Yours are craned up high,
Say, you’re joining a dance. Speak,
which.
A tango, solo,
to not be led so easily, out of rage forms
a disruptive body, hurled with chitin at tanks
before the world’s foundations.
Thus a world might be grasped, clutched, clasped
a resolution: I am not your liberty
2
The second attempt gets softer. You imagine stepping into a room. Above you gentle light that makes your vision fuzzy. In the corners of your eyes, which you can’t move, the mouches volantes are dancing.
The very same casing as every material semblance, in different ways something is taken
ashé, ashé
thousands of years ago the same foreboding as now
you recall the moment of meeting
ashé, ashé
the distinct death is that which, not just the body but memory, not just skin but language, not just hair but every gap in which something of you and yours
can lay down
containing
lain aside is, in this deepest of all violences persistence
and – impudent – joy experienced plausibly, dying thousands of deaths and arriving at la petite mort, dancing
Before thousands of forebears the same moments as now
ashé, ashé
on all future visions
3
In this part you cry, not in mourning, as the expectation
of tears is, one should mourn
death is mournful
but when each day
hangs on advertising columns
baby murdered
child raped
woman burnt to death
the many words do thus
overlay
the tenor of death
1
Counting the outgoing breath can only work backwards.
We are still here.
Repeating these words trembling, to recall something that has never existed,
impudent
in dance
I am your libertine.

Anna McCarthy, »Melt (dancer)«, 2024, Bronze, »Aspik (Frau)«, 2023, Lithography Courtesy: die Künstlerin und Sperling, München Alison Yip und Charlotte Kraft
<3 Liz
Zu sehen ist, sagen wir, oben links: die Uhrzeit. Daneben eine Reihe weiterer Symbole – ein Messengerdienst z.B., verpasste Anrufe, eine Zyklustracking-App usw. sowie ganz rechts die blinkende Akkuanzeige.
In der nächsten Zeile: das Symbol für eine Browser-Startseite und die Webadresse irgendeines Chatrooms in irgendeinem Forum, z.B.notdying.com/l8rmydove/death
Darunter: das Logo des Chatrooms und ein Beitrag.
[LOGO] /death – some hr. ago
dove_siddal<3 death
“He is lost” – “all is lost”
“Like beaten corn of grain”
“Empty of love” – “I lie” – “no rest”
“Dead”
“Dead”
“Tears”
“Misery”
“Pain”Not visible, let’s say: her name: Elizabeth Siddall, with double l. Not visible: how she lost that second l. By choice, yeah sure, but whose? Not visible: her age. Her health. Her ground down working-class teeth. Not visible: her hideously mundane face when the tears are rolling in a not so sweet, ennobling manner. Not visible: what she did that day, when she was, for a lost minute or two not busy “floating on her back, raising her hands, palms up, parting her lips as if she were singing a sad farewell song”. Not visible: that she was fucking freezing to death there in the bathtub. Gracefully. But she loved it. Not visible: further lines, where she, sb., they, might have picked up hers, thrown them around their neck, and marched on, babbling further words – “slight, pale, appropriately derivative”, expressing nothing but the truth, about how they need to swoon to be catch’d.
<3 Liz
Visible: on the top left, let’s say: the time. Next to it, a series of other icons – a messenger service, f.ex., missed calls, a cycle tracking app, etc. – and on the far right, the flashing battery indicator. On the next line: the symbol for a browser homepage and the web address of some chat room in some forum, e.g.notdying.com/l8rmydove/death
Below that the chat room logo and a post:
[LOGO] /Tod – vor einigen Stunden
dove_siddal<3 Tod
„Er ist verloren“ – „alles ist verloren“
„Wie ausgedroschener Mais“
„Der Liebe leer“ – „lieg ich“ – „ruhelos“
„Tot“
„Tot“
„Tränen“
„Elend“
„Schmerz“Nicht zu sehen, sagen wir: ihr Name: Elizabeth Siddall, mit Doppel-l. Nicht zu sehen: wie sie das zweite l verloren hat. Aus freiem Willen, ja sicher, aber wessen Wille? Nicht zu sehen: ihr Alter. Ihr Gesundheitszustand. Ihre abgeknirschten Arbeiterinnenzähne. Nicht zu sehen: ihr schrecklich profanes Gesicht, wenn die Tränen auf nicht so süße, veredelnde Weise rollen. Nicht zu sehen: was sie gemacht hat an diesem Tag, als sie für eine verlorene Minute oder zwei nicht damit beschäftigt war, „auf dem Rücken zu treiben, die Hände gehoben, Handflächen nach oben, die Lippen geöffnet, als würde sie ein trauriges Abschiedslied singen“. Nicht zu sehen: dass sie verdammt nochmal am Erfrieren war, dort in der Badewanne. Anmutig. Aber sie hat es geliebt. Nicht zu sehen: weitere Zeilen, in denen jemand, andere vielleicht ihre Zeilen aufgehoben, sie sich um den Hals geworfen hätten und weitermarschiert wären, fortwährend plappernd – „leichte, blasse, angemessen nachahmende“ Worte, die nichts ausdrücken als die Wahrheit, darüber, wie sie in Ohnmacht fallen müssen, um gefangen zu werden.
How they’re nothing but your dove…
In your hand and on your rooftop
In your bed and in your bathtub
Not visible: other lines, that they would never even write to themselves in a diary. Or could they? Make them beautiful? F. Ex. that yesterday they hit themselves in the hideously mundane face, because… they just could not be every thing you wished for. Not visible: you.Unter dem Beitrag zu sehen:
[Kommentare] 10
alison – 3h ago
Liz? That you? Wanna talk?
them – 1h ago
THX @alison
@dove_siddal: Hit them with your derivative truth.dove_siddal – 2h ago
just quotes you guys, ‘love y’all, everything’s fine’ <3
alison – now
I know, I know!
PS.: You left your charger the other day, I’ll drop by l8r, @dove. <3, for real.
Wie sie süße, veredelnde Tränen vergießen müssen, um gehalten zu werden. Wie sie nichts sind als deine kleine Taube …
In deiner Hand und auf deinem Dach
In deinem Bett und in deiner Badewanne
Nicht zu sehen: andere Zeilen, die sie nicht einmal an sich selbst in ein Tagebuch schreiben würden. Oder könnten sie das? Sie schön machen? Z.B. dass sie sich gestern ins schrecklich profane Gesicht geschlagen haben, weil ... sie einfach nicht alles sein konnten, was du dir wünschst. Nicht sichtbar: du.Visible below:
[Kommentare] 10
alison – vor 3 Stunden
Liz? Bist du das? Willst du reden?them – vor 1 Stunde
THX @alison. @dove_siddal: Erledige sie mit deinen nachgeahmten Wahrheiten.dove_siddal – vor 2 Stunden
Nur Zitate, Leute, 'lieb euch alle, alles ist gut' <3alison – jetzt
Ich weiß, ich weiß!
PS: Du hast neulich dein Ladegerät hier liegen lassen, ich komme später vorbei, @dove. <3, wirklich.Charlotte Krafft

Alison Yip, »L8R My Dove«, 2023, Öl auf Leinen Christiane Blattmann und Heike Geißler
Dann wollte sie sich also verneigen: aber wovor eigentlich? Das war ihr anfangs nicht klar. Ein tiefes Bedürfnis sei es, dieses Sich-verneigen-Wollen, sagte sie allen, die sich bei ihr erkundigten, was da plötzlich über sie gekommen sei, was das eigentlich solle, diese unterwürfig anmutende Haltung. Sie blieb immer länger in dieser Verneigung, sodass aus der Haltung etwas gleichermaßen Kriechendes und Bedrohliches wurde. Sie solle das doch bitte lassen. Sie erwiderte, sie habe es sich aber nun einmal angewöhnt, sich die meisten Bedürfnisse nicht mehr zu verwehren, vor allem eben solche nicht, die ihr etwas abverlangten oder auftrügen, das ihr ungewöhnlich vorkomme, überraschend im jeweiligen Moment. Bedürfnissen, die mit Dringlichkeit aufträten, ganz wie ein überbordendes Schlafbedürfnis oder Hunger, derlei Bedürfnissen stelle sie sich nicht mehr in den Weg. Und dieses Sich-verneigen-Wollen sei eben ein solches, das ihr Körper wohl auch ohne ihre Zustimmung ausführen würde, aber sie setze sich ja gegen den Körper nicht mehr zur Wehr.
Sie wolle sich also verneigen, eher kontinuierlich als nur sporadisch, das bereite ihr einige Schmerzen im Rücken, sei aber wohl notwendig, zwinge ihr Körper (oder was oder wer eigentlich) sie doch immer wieder zurück in diese Biegung, in diese Kurvenhaftigkeit, in dieses Rund, das sie jetzt geworden sei. Übrigens bezeichne das Wort verneigen längst nicht mehr präzise, was sie da tue. Sie habe mittlerweile verstanden, sie verneige sich ja gar nicht vor etwas, vor jemandem, sie begebe sich vielmehr stehend nach unten. Das Stehen nicht lassend, das Beugen nicht lassend, vollführe sie beides gleichermaßen und ziehe beides in Richtung eines jeweiligen Maximums und lege es dabei nicht auf ein Brechen, auf ein Reißen ihrer Mitte an. Es sei etwas anderes, für das sie keine Worte, eben nur eine Bewegung habe. Sie suche übrigens auch nicht nach Worten. Sie sagte das gleichermaßen von unten nach oben und in den Boden hinein.
Heike Geißler
Then she’d have liked to bow – but before what exactly? At first, it was unclear to her. That she felt it pressing, this wanting to bow, was what she told everyone who enquired as to what had suddenly come over her, what it was actually about, this seemingly submissive posture? She remained ever longer in this bow, such that the posture gave rise to something akin to both a crawl and a threat. Could she just leave it off, please. She responded that she’d become accustomed to it now, no longer denying herself the majority of her needs, particularly those that instructed or demanded of her something that seemed usual or surprising to her in that given moment. Needs that came up with urgency, like an overwhelming need to sleep or eat, she would no longer stand in the way of these such needs. And this wanting to bow was of just the kind that her body would just execute without her consent, but she no longer put up any resistance to her body anyway. She wanted to bow, rather continuously than sporadically, which caused her some backpain, it was necessary however, she was forced by her body (what or whom exactly) back into this bow, this curvature, this rounding that she had now become. And moreover, the word ‘bow’ no longer comes close to describing what she was doing there. She’s understood by now that she was actually not bowing before something, before someone, at all, but rather she was going down while standing. Not failing to stand, not failing to bend, she performs both in equal measures and extends both towards their respective extremes, and in doing so does not seek to break nor to tear her middle. It was something else for which she had no words but only a movement. Besides, she wasn’t looking for words anyway. She said just as much upwards from below and into the ground as well.

Christiane Blattmann, »Sad Lake«, 2022, Silikon auf Käseleinen, Pigment, Aluminiumkeilrahmen Ani Schulze und Evan Tepest
Eine Vase, die nicht stirbt
»Death is like painting rather than like sculpture«, schrieb der 2022 verstorbene Kunstkritiker Peter Schjeldahl, »because it’s seen from only one side.«[1]
Ani Schulzes Keramikskulpturen YES II, YES III und Bessere Hälfte (HBD) III sind drei – amorphe? anthropomorphe? – Wesen, von denen eines während der Ausstellung als Vase fungiert. Wenn ein Gemälde der Tod ist – was ist dann eine Vase inklusive welkender Blumen in einer Ausstellung zum Nicht-Sterben?
Ich besitze nur eine Vase, sie ist rosa glasiert, bis auf die perlmuttfarbene Aufschrift »DADDY«[2]. Blumen sind nur selten darin, weil ich ein neurotisches Verhältnis zu Geld habe und meine Ersparnisse nicht für so etwas Vergängliches und Schönes antasten möchte. Aber zum heutigen Frühlingsbeginn kaufe ich mir einen Strauß und lese in Ingeborg Bachmanns Ein Ort für Zufälle. In dieser Rede, die Ingeborg Bachmann anlässlich des ihr 1964 verliehenen Georg-Büchner-Preises hielt, liegen die Straßen Berlins schief, Blitze erhellen den Himmel und die Patient*innen in einem Krankenhaus revoltieren low key:
»Die rote Grütze, die es abends gibt, wird von den Patienten zurückgeschickt, niemand bringt einen Löffel hinunter, niemand will mehr einen Blitz zählen und dazu seinen Löffel voll schlucken. Die Schwestern tragen mißbilligend alle Blumen aus den Zimmern und stellen die Vasen auf den Gang.«[3]
Ich frage mich, welche Blumen auf die Flure gestellt wurden. Und dann verlasse ich meine Wohnung und nehme einen Zug in eine psychiatrische Klinik, in die ich gerade heute zufällig aufgenommen werde, an einem Tag, dessen Datum ich zufällig als Tattoo auf meinem Bizeps trage. Als »Zufälle«, so lese ich und so wusste Bachmann, bezeichnete Büchner die Wahnsinnsanfälle seiner Figur Lenz.
Ani weiß noch nicht, welche Blumen es diesmal sein werden, aber vielleicht sind es die Blumen geworden, mit denen der Lyriker Paul Celan Bachmann überschüttete, als er sich »herrlicherweise« in sie verliebte, sodass ihr Zimmer »ein Mohnfeld« wurde.[4] Welch ein Zufall das wäre.
Evan Tepest
[1] Peter Schjeldahl: The Art of Dying: Writings 2019–2022. London 2024, n.p.
[2] Die Vase ist von Clara Umbach: claraumbach.net.
[3] Ingeborg Bachmann: »Ein Ort für Zufälle«. In: »Todesarten«-Projekt. Bd. 1.München 1995, S. 215.
[4] Helmut Böttiger: »›Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben!‹«. In: Deutschlandfunk, 17.08.2008; https://www.deutschlandfunk.de/ich-habe-ihn-mehr-geliebt-als-mein-leben-100.html, letzter Zugriff am 12. März 2025.
A Vase That Won’t Die
“Death is like painting rather than like sculpture,” wrote the art critic Peter Schjeldahl, who died in 2022, “because it’s seen only from one side.”[1]
Ani Schulze’s ceramic sculptures YES II, YES III and Bessere Hälfte (HBD) III are three – amorphous? anthropomorphous – beings, one of which functions as a vase during the exhibition. If a painting is death, what would that make a vase, replete with wilting flowers, in an exhibition about not dying?
I possess only one vase, it is glazed pink, apart from the mother-of-pearl-coloured inscription, “DADDY.” [2] There are seldom flowers in it, since I have a neurotic relationship to money and would never touch my savings for something so lovely and transient. But with today’s herald of spring, I buy myself a bouquet and start reading Ingeborg Bachmann’s “A Place for Coincidences,” a speech she gave upon receiving the Georg Büchner Prize in 1964. In this text, the streets of Berlin are in disarray, lightning illuminates the sky and the patients in a hospital are low key rebelling:
“The fruit pudding served at supper is sent back by the patients, no one can stomach a spoonful, no one wants to count another flash of lightning and follow it by swallowing another spoonful. Disapprovingly, the nurses remove all flowers from the rooms and place the vases in the hallway.”[3]
I wonder what flowers were placed in the hallway. And then I leave my apartment and take a train to a psychiatric clinic to which I, coincidently, am to be admitted today; a day whose date I wear, coincidently, as a tattoo on my biceps. “Coincidences,” as far as I read it and Bachmann knew the same, were how Büchner termed the lapses of sanity in his character, Lenz.
Ani doesn’t yet know what flowers they will be this time, though perhaps it turns out to be the flowers with which the poet Paul Celan showered Bachmann when he fell “gloriously” in love with her, such that her room because a “poppyfield.”[4] Which would be a coincidence.
[1] Peter Schjeldahl, The Art of Dying: Writings 2019-2022 (London, 2024), np.
[2] This vase is by Clara Umbach: claraumbach.net.
[3] Ingeborg Bachmann, “Ein Ort für Zufälle,” in: Todesarten-Projekt, Band 1 (Munich, 1995), p. 215: excerpt translated by Miriam Stoney.
[4] Helmut Böttiger, “Ich habe ihn mehr geliebt, als mein Leben,” Deutschlandfunk (2008) Online: https://www.deutschlandfunk.de/ich-habe-ihn-mehr-geliebt-als-mein-leben-100.html [Last accessed: 12th March 2025]

Ani Schulze, »YES III; YES IIII; Bessere Hälfte (HBD) III«, glasierte Keramik, Blumen Kate Mackeson und Jovana Reisinger
Power
Kein einziges Frauenleben in meinem Umfeld erschien mir nachahmenswert – das der einflussreichen, mächtigen, intelligenten Frauen im Fernsehen schon. Ich wollte sein, was sie darstellten: Mit Powerblazer, Powerheels, Powerrobe und Powerlipgloss schienen sie so unabhängig, unerschrocken und unverfroren. Dann erkannte auch ich die Unmöglichkeit, als Frau ungehemmt in dieser Welt zu leben. Konfrontiert mit der Verachtung des weiblichen Körpers, des weiblichen Schmerzes, der weiblichen Lust, des weiblichen Werkes. Jede Kränkung, Demütigung und Entwürdigung erst ein Beweis, dann eine Anekdote, dann eine der zahlreichen, müden Erinnerungen. Ich fragte mich, ob ich wie meine Mutter werde, und fand das witzig. Ich sah, was plötzlich aus mir wurde, und hörte auf zu lachen.
Eines Abends stand ich auf einem roten Teppich und trug ein spektakuläres Kleid. Der Mann, der mich stolz sein Babe / seine Traumfrau / seine Partnerin nannte, wurde übergriffig. Dabei hatte ich es doch zweifellos geschafft, war längst irgendwo oben angekommen. Beschimpfungen, Beleidigungen, Drohungen, Gaslighting, Schuldzuweisung, um Vergebung winseln, mich vergöttern. Noch mal. Dann noch mal. Dann erneut. Dann wieder und wieder. Erst dann erkannte ich sein Muster. Würde ich mich psychisch aus Liebe zerstören lassen? Autonomie und Autarkie als die erstrebenswertesten Zustände. Als die einzigen Zustände, um der subtilen und der direkten Gewalt zu entkommen, dem Hass, der Dominanz. Sein Macht- und Besitzanspruch gegen meine Autorität. Mir dämmerte es:
Mir dämmerte es: Geschlechterverhältnisse sollten als Gewaltverhältnisse betrachtet werden, und das heißt folglich auch, meinen Körper, meinen Geist, meine Arbeit neu begreifen. Wie oft werde ich dem Schlimmsten noch entkommen? Wenn die Antwort geschrieben steht, werde ich zu einem Fall für die Akten gemacht worden sein. Überleben wird letztendlich meine Sprache.Jovana Reisinger
Power
No single life of a woman in my milieu appears to me worth emulating – but those of the influential, powerful, intelligent women on television do. I wanted to be what they represented: with their power blazers, power heels, power dresses and power lipgloss, they seemed so independent, so unfazed and impudent. Though I also recognised the impossibility of living in this world as a woman without constriction. Confronted with the contempt of the female body, of female pain, of female desire, of the female work. Every injury, humiliation and degradation at once proof and then an anecdote, eventually one of the innumerable, tired recollections. I asked myself if I would turn out like my mother and that amused me. I saw, all of a sudden, what would become of me and then I stopped laughing.
One evening I was standing on a red carpet wearing a spectacular dress. The man who proudly called me his babe / his dream wife / his partner imposed himself upon me. By then, however, I had undoubtedly made it, had long arrived at the top. Insults, abuse, threats, gaslighting, recrimination, whimpering for forgiveness, idolising me. Again. And again. One more time. Keep on going. Only then could I recognise its pattern. Would I allow myself to be destroyed psychically for the sake of love? Autonomy and autarky the conditions worthiest of striving for. The only conditions with which to escape the subtle and the direct forms of violence, the hatred, the dominance. His claims to power and possession, against my authority. It dawns upon me: gender relations should be regarded and relations of violence: consequently, this is how I must learn to understand my body, my spirit, my work. How many times will I still escape the worst? When the answer has been written down, then I will have become a case for the files. Ultimately, it will be my words that survive.
Kate Mackeson, »The Souffleuse«, 2021, Archivdruck auf Aluminium Studierende der Kunstakademie Münster und Miedya Mahmod
behauptet wird: eine wunde
namens: WÜRDE.
hier könnte ein fall stehen, der sich auch nur einer menschenverachtenden grammatik
unterwirft. in ihr aufgeht.
und in ihm (dem fall; seinem namen; seinem briefselbst; ihrem körper)
eingemauert: fragen nach handschlägen und stillleben von füßen.
etwas, das erst geschrieben werden muss. mehr noch, das erst gesagt werden will. allem voran: alles, dessen wieder und nochmals gedacht werden würde.
es beginnt ja ein wenig leben, wenn die tür aufgeht und offen bleibt. es beginnt ja: mit einer unbefleckten empfängnis. mit dem gitter über den augen. mit glasdecken, die fenster sind, die gefängnisse sind, die sprachen sind, die urnen sind, die körper sind, die blumen sind, die stofftapeten werden. wir waren dort! es war – !
wir sehen die loopholes wie wasserschäden. sehen narben und zellen. schmecken die luftfeuchtigkeit und den tau, riechen putz und weiße flecken. nennen wir all dies: wände.
von den farben will ich schweigen, bedeckt vom reif meiner netzhäute. wir sehen unsere träume nur zum abschied wieder – ach was, es ist nicht nacht genug zum träumen!
unter tausendtägigem druck schleife ich die zeiten, muss ich
den verhagelten kopf sonnen.
HEUTE war ein vogel, den wir morgen in den süden ziehen sahen. in dieser sprache: ist heute schuld, wer gestern schlief. in keiner sprache: wird die strafe mit geschlossenen augen buchstabiert.
es ist zeit. sollen wir doch, sollen wir anderen. fremdeln damit
sollst du. würde wer fragen, wir würden behaupten:
wir vernachlässigen nicht das material,
sondern uns.
und dann?
die fahnen wehen, die sie nicht kommen sehen. und
sein teil, er soll verloren gehen.
gezeichnet
mit unserer leserlichen unterschrift
für die zeuginnenschaft,
dass nicht niemand hingeschaut hat.
Miedya Mahmod
the claim: a wound
the name: DIGNITY.
here might be a case that also only to a misanthropic grammar
would submit. absorbed in it.
and in it (the case; its name; its epistolary self; her body)
immured: questions regarding handshakes and still lives of feet.
something that must first be written. more still that wants to be said. first of all:
all of which could be thought again and once more.
a little life begins when the bursts and remains open. yes, it begins: with an immaculate conception. with a trellis over the eyes. with glass ceilings that are windows that are prisons that are languages that are urns that are bodies that are flowers that become textile wall coverings. we were there! it was – !
we look upon the loopholes like water damage. see scars and cells. taste the
humidity and the dew, smell plaster and white stains. all this we call: walls.
I wish to refrain from speaking of colours, cast over by the ring of my retina. we only see our dreams again upon departure – oh what, there’s not enough night to dream!
under the stress of a thousand days I sharpen the times, must I
bask this hail-bashed head in the sun.
TODAY was a bird that we saw in the morning going south. in these words: it’s tomorrow’s fault who yesterday slept. in no words: will the punishment be spelled out with closed eyes.
now’s the time. should we not, the others should we. estranged from
should you. who’d dignify the question, we would claim:
it’s not that we neglect the material
but ourselves
and then?
the flags are waving that you didn’t see coming. and
his part, it ought to go missing.
signed
with our legible signature
for the witnesses,
that not no one was looking.

»Die Nummer ist 723144«, 2024, diverse Materialien, Evelyn Deller, Selena Knoop, Johanna-Sophie Kos & Tomte Rieder, Leah Morawe, Helena Maeve Segin, Sofia Sjöström
Förderer
Ausstellungskonzeption gefördert im Rahmen des von der Europäischen Union kofinanzierten Projektes Droste-Welten.
Literarische Beiträge gefördert durch den Deutschen Literaturfonds. Audio-Installation Enigma: Koproduktion mit Berliner Künstlerprogramm des DAAD.